Vorwürfe: Wie sich Christian Horner gegen Zak Brown & Co. wehrt

Unter der Lupe: Wie Christian Horner auf Fragen zu den Vorwürfen gegen ihn antwortet und wie ihn Zak Brown in eine unangenehme Situation gebracht hat

(Motorsport-Total.com) - Christian Horner hatte am Donnerstag bei den Testfahrten in Bahrain seinen ersten großen Auftritt in einer Pressekonferenz. Und natürlich fragte sich jeder, der die halbstündige "Talkshow" verfolgte, was der Red-Bull-Teamchef zu den Vorwürfen wegen angeblichen disziplinarischen Fehlverhaltens sagen würde. Falls überhaupt ein Journalist den Mut haben würde, ihn auf dieses heikle Thema anzusprechen und ihn damit vor einem großen Publikum in Verlegenheit zu bringen.

Titel-Bild zur News: Christian Horner

Christian Horner war am Donnerstag zu Gast in der Pressekonferenz in Bahrain Zoom

Derjenige, der zuerst diesen Mut hatte, war dann Andrew Benson vom britischen TV-Sender BBC. Er wandte sich an McLaren-Teamchef Zak Brown und an Horner. An Brown, weil er wissen wollte, ob er damit zufrieden sei, wie die Horner-Affäre gehandhabt wird, obwohl die Untersuchung so lang dauert, und was es über die Einstellung zur Geschlechtergleichstellung sagt, wenn Horner trotz laufender Untersuchung ohne vorläufige Suspendierung seinen Job ausüben darf, als wäre nichts gewesen.

Dazu muss man ergänzen: Die Stimmung zwischen Brown und Horner ist zu dem Zeitpunkt schon einigermaßen angespannt, denn kurz zuvor hat Brown einmal mehr dagegen gewettert, dass ein Eigentümer (Red Bull) nicht zwei Teams kontrollieren sollte (Red Bull Racing und Racing Bulls), und Horner hat seinen Arbeitgeber leidenschaftlich und eloquent dagegen verteidigt.

Während der eine oder andere gedacht haben mag, kein anderer Teamchef werde sich zu dem heiklen Thema äußern, hat Brown offenbar kein Problem damit, über die Horner-Affäre zu sprechen. Die Vorwürfe (die zumindest öffentlich nicht im Detail bekannt sind, über die hinter den Kulissen der Formel 1 aber viel gesprochen wird) seien "extrem ernst", sagt er zum Beispiel.

Wie Brown Horner im Subtext das Leben schwer macht

McLaren stelle beim Thema Geschlechtergleichstellung "an sich selbst und an alle Männer und Frauen bei McLaren die höchsten Anforderungen", unterstreicht Brown. Eine aus seiner Sicht smarte Formulierung, denn auf diese Art und Weise greift er Horner zwar nicht direkt an, macht den Red-Bull-Teamchef aber im Subtext doch zu einem negativ konnotierten Thema.

"Vielfalt, Gleichberechtigung und Integration sind für uns, unsere Partner und alle in der Formel 1 extrem wichtig", betont der McLaren-CEO und erklärt: "Der Red-Bull-Konzern hat offenbar eine Untersuchung eingeleitet. Wir hoffen und gehen davon aus, dass diese sehr transparent gehandhabt wird."

Brown nimmt auch Bezug auf die offiziellen Statements von Formel-1-Rechteinhaber Liberty Media und dem Automobil-Weltverband FIA, die sich am vergangenen Wochenende erstmals offiziell geäußert haben, und unterstreicht die Notwendigkeit, dass die Red-Bull-Untersuchung nicht nur fair, sondern vor allem auch "schnell" zu einem Ergebnis kommen muss.

Was Brown von der Untersuchung erwartet

Denn: "Ich glaube nicht, dass dies die Art von Schlagzeilen ist, die die Formel 1 gerade will oder braucht. Ich denke, es ist wichtig, dass die Angelegenheit auf transparente Weise gehandhabt wird, sodass es keinen Zweifel daran gibt, dass sie angemessen gehandhabt wurde. Und was auch immer die Schlussfolgerung sein mag, sie muss auf angemessene und transparente Weise gehandhabt werden."


Marko über Horner: Brauchen schnelles Ergebnis!

Die Untersuchung im Fall Christian Horner ist immer noch nicht abgeschlossen. Doch jetzt spricht Helmut Marko über das Thema. Weitere Formel-1-Videos

Brown suggeriert damit zwei Dinge: Erstens, die Red Bull GmbH sollte am Ende des Prozesses nicht einfach bekannt geben, ob Horner Teamchef bleibt oder nicht, sondern idealerweise auch die Schlussfolgerung der Untersuchung offenlegen. Und zweitens, dass Horner aktuell einen Imageschaden für die Formel 1 darstelle.

Für Max Verstappen fällt das in die Kategorie: Hier versucht jemand, die Gelegenheit zu nutzen, um Red Bull als dominierendes Team der Formel 1 zu destabilisieren. "Das ist eine Taktik, die dauernd eingesetzt wird, nicht nur bei dieser Geschichte", sagt der dreimalige Weltmeister. "Das ist zu 100 Prozent typisch für die Formel 1."

Wie sich Horner gegen die Vorwürfe (nicht) wehrt

Als Horner dann ansetzt, seinen Teil der Frage von Andrew Benson zu beantworten, spürt man förmlich, wie es den 50-Jährigen innerlich zerreißt. Nur zu gern würde er Brown jetzt wahrscheinlich eine Retourkutsche verpassen und sich verteidigen - aber seine Anwälte haben ihm mutmaßlich dazu geraten, dass es das Beste sei, gar nichts zu sagen.

Also erklärt Horner den anwesenden Journalisten im Saal: "Wie ihr alle wisst, findet gerade eine Untersuchung statt, und ich bin selbst Gegenstand dieser Untersuchung. Und weil ich Gegenstand dieser Untersuchung bin, kann ich mich leider nicht zu dieser Frage äußern."

Später will ein anderer Journalist wissen, ob man Horner seitens Ermittlungsanwalt ein Datum signalisiert habe, an dem die Untersuchung abgeschlossen sein könnte. Zumal Horner bei der Präsentation des Red Bull RB20 vor einer Woche in Milton Keynes gesagt hatte, die ganze Angelegenheit habe "Störgeräusche" im Team verursacht.

Wieder hat man den Eindruck, Horner würde gern antworten, aber wieder sagt er nur: "Schauen Sie, es tut mir wirklich leid, aber ich kann mich zu diesem Prozess oder auch zum zeitlichen Rahmen nicht äußern. Jeder wünscht sich, dass die Sache so schnell wie möglich abgeschlossen wird, aber es steht mir nicht zu, diesen Vorgang zu kommentieren."

Warum das Thema für Liberty Media so sensibel ist

Klar ist, dass die Formel 1 das Thema gern geregelt hätte, bevor die neue Saison beginnt. Mit einem Weltmeisterteam, dessen Chef im Verdacht steht, grenzüberschreitendes Verhalten an den Tag gelegt zu haben, in die WM 2024 zu starten, muss der Albtraum von Liberty-Media-CEO Greg Maffei sein. Und, nebenbei bemerkt, von Maffeis Ehefrau.

Es war 2016 beim Grand Prix der USA in Austin, als das Ehepaar Maffei, zu dem Zeitpunkt noch relativ frisch in der Formel 1, gemeinsam über die Startaufstellung schlenderte. Dabei fielen Sharon Maffei die leicht bekleideten Gridgirls im Sinne feministischer Emanzipation negativ auf - und schwupps, wenig später waren Gridgirls in der Formel 1 Geschichte.

Oberweite eines Gridgirls in Austin 2016

Dieses Gridgirl-Outfit in Austin 2016 soll Sharon Maffei empört haben Zoom

Ein Augenzeuge erinnert sich an die Situation so, dass bei einem der damaligen Gridgirls fast die Brüste aus dem prall gefüllten Top gesprungen sind, was Sharon Maffei so empört haben soll, dass sie ihren Ehemann dazu drängte, sich rasch für ein Umdenken in der Formel 1 einzusetzen, was das Thema Gridgirls betrifft. Und wenn Maffei etwas will, dann hat das Gewicht in der Königsklasse.

Eine Anekdote, die zeigt, wie hoch das Thema feministische Emanzipation und Geschlechtergleichstellung besonders in den USA hängt, und wie schwierig es für Liberty Media, ein an der New Yorker Technologiebörse NASDAQ gelistetes Unternehmen, sein muss, zu akzeptieren, dass eine der berühmtesten Persönlichkeiten der hauseigenen Show in der Öffentlichkeit solchen Vorwürfen ausgesetzt ist.