FIA unterbindet Ölverbrennung: Ferrari am härtesten getroffen?

Der heißeste Nebenkriegsschauplatz der Formel 1: Insider glauben, dass nicht nur Ferrari getrickst hat, die Italiener aber im Tricksen am besten waren

(Motorsport-Total.com) - Die FIA hat vor dem Grand Prix von Ungarn in Budapest (Formel 1 2017 live im Ticker) eine weitere technische Richtlinie bezüglich des Beimengens von Öl zum Benzin des Verbrennungsmotors an die Teams herausgegeben. Darin steht, dass das Thema ab dem Grand Prix von Italien noch strenger beobachtet werden soll. In der heißen Phase des WM-Kampfs möglicherweise ein Nachteil für Ferrari.

Titel-Bild zur News: Shell

Im Shell-Labor wird nach entscheidenden Hundertstelsekunden gesucht Zoom

Das Prinzip ist einfach: Man nehme Motoröl und mische es - auf direktem oder indirektem Weg - dem Benzin bei, um den Verbrennungsprozess im Zylinder zu optimieren und die Leistung zu erhöhen. "Ferrari", erklärt Pat Symonds, Technischer Berater der Formel 1, gegenüber 'Sky Sports F1', "ist nicht das einzige Team, das es getan hat. Das weiß man im Paddock. Aber Ferrari hat es einen Schritt weiter getrieben."

Hinter den Kulissen der Königsklasse gibt es seit Einführung der Hybrid-Formel im Jahr 2014 einen Nebenkriegsschauplatz, vom dem kaum jemand etwas mitbekommt. Mineralölhersteller wie Shell (Ferrari) oder Petronas (Mercedes) werfen gigantische Ressourcen in die Waagschale, um im Bereich Benzin und Schmiermittel entscheidende Hundertstelsekunden zu finden. Im Zuge dieses Wettrüstens würde das bewusste Verbrennen von Öl geboren.

"Was ich merkwürdig finde: Alle reden vom Ölverbrennen, aber niemand spricht darüber, wie viel Leistung man damit gewinnen kann", wundert sich Symonds. Jetzt schreitet die FIA mit einer weiteren technischen Richtlinie ein: Die Teams werden daran erinnert, dass die maximal tolerierte Ölmenge, die auf 100 Kilometer verbrannt werden darf, bei 0,6 Kilogramm liegt. Das werde man ab 2018 genau überprüfen und verbindlich ins Reglement implementieren.

Toleranz: 0,9 Liter pro 100 Kilometer

Gleichzeitig will die FIA dem Treiben schon diese Saison einen Riegel vorschieben. Toleriert werden aber noch 0,9 Liter pro 100 Kilometer. Davon betroffen sind alle Motoren, die ab dem Grand Prix von Italien neu eingesetzt werden. Motoren, die schon vorher im Pool eines Fahrers waren, nicht.

Denn: "Wir akzeptieren, dass es für einige Teilnehmer schwierig ist, das 0,6-Liter-Limit auf 100 Kilometer einzuhalten. Für alle schon in Betrieb genommenen Motoren wird daher eine Toleranz angewendet", schreibt Marcin Budkowski, Technischer Delegierter der FIA, in der Richtlinie.

Insider sind sich darüber einig, dass Shell und Ferrari auf diesem Gebiet am meisten Leistung gewonnen haben. Das würde erklären, warum Ferrari am Saisonbeginn noch konkurrenzfähiger war, inzwischen aber zurückgefallen ist, seit die ersten technischen Richtlinien zum Thema Ölverbrennung veröffentlicht wurden. Petronas und Mercedes sollen ebenfalls Leistung gewonnen haben, aber nicht so viel.

Insofern ist auch nachvollziehbar, warum Mercedes-Motorenchef Andy Cowell über die Reglementierung des Bereichs gar nicht unglücklich ist: "Wir arbeiten sehr eng mit der FIA zusammen, um sicherzustellen, dass die ergriffenen Maßnahmen angemessen sind und in die richtige Richtung gehen. Ich stelle zufrieden fest, dass das bisher sehr positiv war", sagt er.

Red Bull: Wir haben's nicht getan

Auch Red Bull freut sich über den mutmaßlichen Nachteil für Ferrari: "Ferrari driftet im Qualifying weg, nicht im Renntrimm. So viel Öl, dass das das ganze Rennen was bringen würde, kannst du nämlich nicht mitnehmen", erklärt Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko gegenüber 'Motorsport-Total.com'. "Insofern ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dieses Thema Ferrari zumindest im Qualifying getroffen hat."

Mercedes-Motor

Der Mercedes-Motor ist weniger stark betroffen als Ferrari, heißt es Zoom

"Renault", unterstreicht er, "macht's nicht. Wir sind nicht betroffen." Teamchef Christian Horner nickt zustimmend: "Natürlich spielt das Thema eine Rolle. Manche sind davon mehr oder weniger betroffen. Wir überhaupt nicht, denn wir haben es nicht getan." Und auch Mercedes-Ingenieur Cowell behauptet, Mercedes sei von den FIA-Richtlinien "nicht besonders" betroffen.

Und was sagt Ferrari selbst? Technikchef Mattia Binotto bleibt mit seiner Antwort in der FIA-Pressekonferenz am Hungaroring unverbindlich. Er denke, dass das Verbrennen von Öl "nicht direkt" mit Ferrari zu tun habe. Und: "Ich glaube ehrlich nicht, dass das Auswirkungen auf unsere Performance hat." Aber wenn Ferrari "nicht direkt" damit gespielt hat, dann vielleicht Partner Shell?

Verbrennen von Öl nichts Ungewöhnliches

Cowell erklärt: "Dass Öl in einem Verbrennungsmotor verbrannt wird, ist bis zu einem gewissen Grad schon immer passiert. Vor 20 Jahren haben wir noch Straßenautos gekauft, die das getan haben. Die FIA hat sehr gute Arbeit geleistet, Informationen gesammelt und eine technische Richtlinie entwickelt, innerhalb derer es sich zu bewegen gilt."

Dass Ferraris Formkurve seit der strengeren Reglementierung des Ölverbrennens nach unten zeigt, ist laut Binotto Zufall: "Wir hatten auch am Saisonbeginn schon Rennen, in denen wir konkurrenzfähig waren, und dann gab es Rennen, in denen Mercedes konkurrenzfähig war. Nehmen wir zum Beispiel Bahrain. Da waren sie im Qualifying sehr stark, wir aber im Rennen. Ich sehe da keinen klaren Trend."


Fotostrecke: FIA-Fast-Facts Budapest

Aber: "Die Weiterentwicklung ist natürlich sehr wichtig", räumt Binotto ein. "Das muss von Rennen zu Rennen geschehen. Es sind noch viele Rennen zu fahren, wir haben erst Halbzeit in der Saison - und ich sehe keinen Grund, warum das Pendel in die eine oder andere Richtung ausschlagen sollte."

Auch nicht die bewusste Beimengung von Öl zum Benzin ...